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Erörterung der Gattung "Novelle" am Beispiel von Thomas Manns "Tod in Venedig"
Thomas Mann bezeichnet sein Buch „Der Tod in Venedig“ als eine Novelle. In manchen Aspekten ist sie durchaus als solche erkennbar, in anderen lässt diese Bezeichnung Zweifel offen.
Ein Grund allerdings, warum er sie als solche Bezeichnen könnte, ist der Inhalt: Die Geschichte eines homosexuellen, pädophilen Schriftstellers gehörte besonders zur damaligen Zeit nicht zu den in der Gesellschaft akzeptierten Dingen. Nach Goethes und Heyses Definition einer Novelle soll eine solche ein „unerhörtes Geschehen“ schildern. Möglich zwar, aber doch neu, unbekannt, außerhalb der Normen, provozierend, ja sogar hässlich und absurd. Insofern war es Thomas Mann also einfacher diesen geradezu gefährlichen Inhalt als Novelle zu veröffentlichen, als wenn er es als einen Roman getan hätte, in welchem dies nur ein absoluter Skandal gewesen wäre.
Eine Novelle soll aber außerdem wenig Stilmittel verwenden, da es sich um einen berichthaften Erzählungstil handeln soll. (Heyse) Dies ist bei Thomas Mann absolut nicht der Fall, was für die Gattung Novelle als „Tarnmantel“ (siehe oben) spricht.
Auch das Dingsymbol, der „Falke“, ist nicht einfach zu finden. Man könnte die Todesboten nennen, die, immer wieder auftauchend, den Untergang Aschenbachs widerspiegeln und gleichzeitig mit dem Bild des Hermes seinen Dionysos-Apoll Konflikt darstellen. Eine andere Möglichkeit wäre die Stadt Venedig, die schöne, verdorbene, dem Untergang geweihte Stadt, die auch in „Tod in Venedig“ oft als Touristenfalle geschildert wird. Sie zeigt den Untergang durch das Schöne, die Vorspiegelung falscher Tatsachen (in dem Fall Liebe) im Vergleich zum klaren, mit Straßennamen beschriebenen München (Apoll). Die letzte Möglichkeit wäre das Wetter. Der bedrückende Nebel über Venedig, als Aschenbach ankommt, überrascht ihn, da er sonnig strahlendes Wetter wie bei den letzten Besuchen erwartet hatte. Doch dieser Aufenthalt steht eher unter bedrücktem Himmel. Erst bei seinen Abreisegedanken bricht die Sonne hervor, doch als er sich dafür entscheidet, zu bleiben, wechselt das Wetter wieder zu einer stürmischen, unübersichtlich-nebligen Stimmung. Doch alle drei Möglichkeiten, besonders die letzte, welche eigentlich eher eine Stimmungsunterstützung ist, können nicht als typische Dingsymbole gesehen werden, wie es in Boccacios erster Novelle der Falke in „Decamerone“ (der Falke) war, da dieser wirklich Zentrum der Erzählung war.
Der größtenteils objektive Erzählstil spricht wiederum für eine Novelle als Gattung der Geschichte, die Erzählerkommentare allerdings dagegen. Dafür spricht wiederum der an ein klassisches Drama angelehnte Aufbau von (geraffter) Exposition, dem Spannungsbogen und der Katastrophe (mit Verzögerung) in 5 Kapiteln. (Laut Heyse ist die Novelle dem Drama ähnlicher als der Roman.) Außerdem zeigt das Buch nur den Ausschnitt von Aschenbachs Leben, mit einer Änderung zwar, aber mit einem größtenteils feststehenden Charakter. Da es eine moderne Novelle ist, steht auch der Charakter (nicht die Handlung) im Mittelpunkt.
Die letzten Argumente sprechen demnach eindeutig dafür, dass es sich bei „Der Tod in Venedig“ um eine Novelle handelt.
Jesko Habert. derjesko[at]arcor.de
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